Prügel für Ochs und Esel
90 Nazis, hunderte Polizisten: Ohne große Zwischenfälle ist am Samstag die NPD-Demo durch Branchweiler verlaufen. Ein Etappenbericht.
Von Steffen Gierescher
14.15 Uhr: Zig Uniformierte harren der Dinge auf Gleis 2 am Bahnhaltepunkt Böbig. Sehen aus wie gepanzerte Schildkröten: grüne und graue Overalls, Schienbeinschoner, Schlagstöcke. Schwitzen unter den Helmen. Es ist schwül. Polizeihunde tänzeln nervös auf den Pfoten. Ein Hubschrauber kreist am Himmel. Gegenüber, auf dem Hof des Schulzentrums Böbig, läuft eine Veranstaltung des „Bündnisses gegen rechts“. Hat was von Oberstufenparty. Die Band auf der Bühne singt „Valerie“ von Amy Winehouse. Klingt, wie“s klingen soll: bunt statt braun.
14.30 Uhr: „In fünf Minuten kommt er“, sagt ein Beamter – der Zug mit Rechtsextremen aus Kaiserslautern. „Die sind sauer, weil sie dort nicht marschieren durften“, weiß einer. 800 Menschen haben ihnen mit Sitzblockaden die braune Demo-Suppe versalzen.
14.35 Uhr: Die S 2 hält. Die Anspannung steigt. Der Lokführer schaut aus dem Führerhaus und sagt: „Bis jetzt war alles ruhig.“ Türen öffnen sich. Die Beamten bilden einen graugrünen Ring um eine schwarze Masse: dunkel gekleidete 18- bis 35-Jährige, wenige sehr junge Frauen. Viele tragen Kapuzenpullis, Baseballmützen, Sonnenbrillen und Lederhandschuhe. Fahnen werden ausgerollt. Noch ist“s ruhig. Klar ist: „Es sind weniger als in Lautern“, teilt Polizeisprecher Michael Lindner telefonisch mit. Dort wurden 120 NPD-Anhänger gezählt.
14.42 Uhr: Polizisten eskortieren die Meute zur Unterführung Branchweilerhofstraße, Ort der Auftaktkundgebung. Nun wird“s laut. „Frei, sozial und national“, skandieren die Rechten. Unten werden sie mit Pfiffen, Buh-Rufen und Plakaten empfangen. Auf einem steht: „Zu Risiken oder Nebenwirkungen lesen Sie ein Geschichtsbuch oder fragen Sie Ihre Großeltern.“ Obszöne Gesten hüben wie drüben. Anwohner schauen aus den Fenstern, zücken Kameras. Sehen Banner wie dieses: „Jede Generation braucht eine neue Revolution – Nationale Sozialisten Südpfalz.“
15 Uhr: „Alles ist gut organisiert, wir sind gut aufgestellt“, sagt Polizeipräsident Wolfgang Fromm. Versammlungsleiter Klaus Armstroff, NPD-Kreischef aus Weidenthal, verkündet, den „etablierten Parteien auf die Finger hauen“ zu wollen. Widerwillig liest er die strengen Auflagen für die 1,2 Kilometer lange Laufstrecke vor. Eine Frau provoziert, zeigt sich den Nazis in Unterwäsche. „Kumscht mol uff de Betze, do finsch uns in Block Dreiefuffzisch“, entgegnet einer der Anführer.
15.35 Uhr: Abmarsch. Speerspitze sind Rechte, die Tiermasken – Ochs, Schaf, Esel – sowie Schilder am Körper tragen. „Ich dummer Esel glaube immer noch den Demokraten“, heißt es auf einem. Weit kommt das tierische Trio nicht. Autor und Friedensaktivist Horst Stowasser legt sich unter dem Beifall von Passanten quer auf die Straße. Polizisten tragen ihn weg. Dann wird“s hektisch: Ein Mann aus der linken Szene stürmt auf Ochs, Schaf und Esel zu, prügelt auf die Maskierten ein. Uniformierte gehen resolut dazwischen, werfen ihn zu Boden.
15.40 Uhr: Ein Rechter wird abgeführt. Er hat sich aus dem Pulk entfernt, um ihn zu filmen. Masken überziehen dürfen sich die Marschführer nur, weil zuvor ihre Personalien erfasst wurden, wie Wolfgang Lederle vom Vollzugsdienst erläutert. Er begleitet die Demo, ist ständig in Kontakt mit dem zuständigen Beigeordneten Georg Krist.
15.45 Uhr: Von der Schlachthofstraße über die Straße „Am Hölzel“ und Industrie- geht“s in die Spitalbachstraße, wo wütende Demo-Gegner die Polizei beschäftigen. Am Tor der Eichendorffschule hängt ein Plakat mit farbigen Handabdrücken: „Neustadt ist bunt.“ In der Breslauer Straße brüllt ein Anwohner aus seiner Wohnung im ersten Stock: „Was das fer Geld koschd fer die Affe.“
16.10 Uhr: Kunden des Penny-Markts an der Ecke Branchweilerhofstraße dürfen nicht mehr raus. Unweit des Discounters findet die Zwischenkundgebung statt. Vom Parkplatz aus werden die Rechten niedergebrüllt. „Wir kriegen euch alle“, giften sie zurück.
16.20 Uhr: An der Straßenecke „Im Kautz“ formieren sich Beamte zu einer „doppelten Polizeikette“, um Linke und Rechte zu trennen.
16.25 Uhr: Abschlusskundgebung am Tunnel zur Branchweilerhofstraße: Armstroff feiert die Demo als Erfolg. Weil es relativ ruhig bleibt, ist auch Vollzugsbeamter Lederle guter Dinge. „Wir konnten nicht anders entscheiden, ohne gegen die Verfassung zu verstoßen“, verteidigt er das Ja zur Demo.
16.43 Uhr: Die Rechten werden zurück aufs Böbig-Bahngleis geführt. „Nazis von der Straße fegen“, johlen Linke vor dem Treppenaufgang.
16.54 Uhr: Von der Straße in die die Bahn Richtung Westpfalz „fegt“ die Polizei einen Teil der NPDler. Einer aus Neustadt feixt übermütig zum Abschied: „Ich flieg bald nach Algerien, vielleicht bringe ich ein paar Kalaschnikows mit.“
17.06 Uhr: Der Rest der Rechten besteigt den Zug nach Ludwigshafen. Im Böbig-Schulhof ist noch immer Party. Es läuft Hardrock. Ein Polizist scherzt: „Die sollten sich mal einen anderen Sänger suchen.“
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